Feeling hot hot hot

Nein, ich habe keine Überdosis Aphrodisiakum abbekommen und auch verfrühte menopausale Hitzewallungen habe ich nicht zu verzeichnen. Das Wetter ist ebenfalls alles andere als dazu angetan zu schwitzen, denn Mitte der Woche gab es einen Temperatursturz. Während im fernen Deutschland spätoktoberliche Wärme genossen werden kann, ist es hier nun recht eisig geworden. Und genau da liegt dennoch der Hund begraben. Was ist geschehen?

Ich komme am Mittwochabend heim. Oh Wunder. Kein giftiger Gestank. Kein Nagetier. Nichts, was irgendwie kaputt ist oder mein Wohlbefinden beeinträchtigen könnte. Darf ich tatsächlich einfach mal heimkommen, in Ruhe schlafen, am nächsten Tag aufstehen und zur Arbeit gehen? Ein Traum! Ich gehe ins Bett, lese noch ein bisschen, spiele noch ein bisschen mit dem Handy rum. Hui, da draußen pfeift der Wind aber. Oh jetzt tost es richtig…mal aus dem Fenster schauen. Gibt es etwa einen Hurricane, den der Wetterkanal übersehen hat? Aber hö?! Da draußen weht kein Lüftlein. Dann fällt mein Blick auf den Heizkörper, der sich unter dem berühmten Fenster des Grauens, direkt neben meinem Bett, befindet. Das ist die Heizung! Mittlerweile schnauft und zischt es, dass die lummerländer Lokomotive Emma ganz neidisch würde. Ich erinnere mich wage an den Aushang im Hausgang, dass die Heizungsanlage im Haus anspringt, wenn eine bestimmte Temperatur unterschritten wird und dass die Heizung dann laute Klopfgeräusche von sich gibt, gerne in den Morgenstunden, dass das aufgrund des Alters des Hauses sei, aber keinerlei Gefahr für irgendjemanden bestünde. Aha. Ein Klopfen höre ich nicht. Aber der Sturm im Heizkörper zischt unermüdlich weiter. Nach wenigen Minuten ist der Radiator kochend heiß. Ob das Ding gleich in die Luft fliegt? Sicherheitshalber räume ich mal die Laptops beiseite. Ich sitze auf dem Bett und starre auf das metallene schnaufende Ungetüm, das nun anfängt nach verbranntem Staub zu stinken. Was mach ich nur? Ich habe Angst, das Ding anzurühren – nicht nur, weil ich mir nicht die Flossen verbrennen will, sondern weil ich wirklich keinen blassen Schimmer habe, wie dieses Ding funktioniert und ob mir, wenn ich am falschen Ende hinlange, gleich heißes Wasser oder heißer Dampf um die Ohren schießt. Denn, soviel habe ich aufgrund der Geräusche schon kombiniert, ich habe es hier wohl mit einer „Steam Heating“ zu tun. Und sie heatet und heatet und heatet. Mein Apartment verwandelt sich in kürzester Zeit in eine Sauna. Allerdings mit extrem trockener Luft. In meiner Verzweiflung drehe ich doch mal mutig an einem großen schwarzen Knopf. Nock. Nock. Nock. Aha…jetzt klopft’s. Es hämmert rum als ob eine Münze in einem Metallrohr hin und hergeschleudert wird. Ich drehe wieder ein bisschen zurück. Das Klopfgeräusch wird leiser. Hm. Komisches Teil. Da es unerträglich warm im Zimmer wird, reiße ich nun das andere Fenster auf und stelle mal eine Schüssel mit Wasser auf. Es ist mittlerweile weit nach Mitternacht. Aber wie soll man da schlafen? Nach einer halben Ewigkeit habe ich das Gefühl, dass die Rohre abkühlen und ich schlafe immerhin ein bisschen. Am nächsten Morgen sind die Rohre kalt. Das Zimmer auch. Schnell Fenster zu machen (so gut es eben geht). Auf dem Weg zur Arbeit schreibe ich eine E-Mail an Eddie, den Hausmanager, ob man das Ding irgendwie grob regulieren kann oder nur an oder aus und ob er mir das System mal erklären könne, da es sowas in Deutschland nicht gäbe. Antwort: „Ja, der schwarze Drehknopf ist zum Ausmachen.“ Semi-hilfreich. Nicht wirklich was ich wissen wollte, aber naja…

In der Mittagspause spreche ich meine Kollegin auf die Heizung an. Vielleicht kennt sie sich ja mit sowas aus. Ja, bei ihr sei die Heizung auch heute Nacht angegangen. Man müsse dann das Fenster aufmachen. Das sei zwar Energieverschwendung, aber so ginge das nun mal. Und ich solle Schalen mit Wasser aufstellen. Ich freue mich zwar einerseits, intuitiv richtig gehandelt zu haben, aber ich ahne schon, dass das irgendwie auch bedeutet, dass das „normal“ ist.

Am Abend bin ich wieder mit meinem väterlichem Freund Garry zum Dinner verabredet. Wie es mir denn so ginge und ob ich mich jetzt gut eingelebt hätte, erkundigt er sich. Ich setze an: „Well, last night…my heating…“ Ich komme nicht weiter, denn Garry grölt los vor Lachen. „Welcome to New York!“ ruft er. „Steam heating, right?“ Ich nicke verunsichert. Er grinst von einem Ohr zum anderen. Ich hätte in New York leben wollen, jetzt hätte ich den Salat erklärt er mir sinngemäß. Und nein, man könne die Dinger nicht regulieren. Man müsse das Fenster aufreißen. Und Wasserbehälter aufstellen, sonst trocknet man ein wie eine Mumie. Ob ich denn zwei Räume hätte. Nur einen? Ja, das ist dann ungeschickt. Denn dann friert man sich gleichzeitig den Allerwertesten ab (da Fenster auf) und verglüht und vertrocknet (da Heizung bollert). Aber hey, das ist echtes New York. Ähä. Ja, schön. In dem Moment bereue ich, mir gewünscht zu haben „echtes New Yorker Leben“ zu erleben. Vielleicht hätte ich beim Schicksal das Ganze etwas spezifizieren müssen. Nach dem absolut köstlichen Abendessen im Restaurant (Einschub: Aba, 57. Straße zw. 8. und 9. Avenue, türkische Küche. Wir hatten zwei Vorspeisen – mariniertes Gemüse und Bällchen aus roten Linsen, dazu warmes frisches Fladenbrot, danach teilten wir uns als Hauptgang „Sultan’s Delight“, das aus einer Art warmem Babaganoush (also Auberginencreme mit einem Hauch von Käse) und darauf Gemüse und Tomaten, Olivenöl und in unserem Fall Hähnchenfleisch (ich habe mich geweigert Lamm zu essen, obwohl es laut Garry das beste Lammfleisch New Yorks sei) bestand. Alkoholika werden dort nicht angeboten, aber „BYO – bring your own“ ist möglich, weshalb Garry noch ein Fläschlein Rose aus dem Privatfundus beigesteuert hat), lud mich Garry noch auf eine Tasse Tee und Dessert (wir holen unterwegs Cheesecake) bei sich daheim ein. Leider hatte ich dann nur die Wahl zwischen Kamille, English Breakfast und Earl Grey. Ich entschied mich fataler Weise für Earl Grey. Und während ich es mir auf dem Sofa bequem machte und abends um halb neun eine Megatasse schwarzen Tee in mich reinschüttete, fiel mein Blick auf den Heizkörper neben mir. Über und über behangen mit feuchten Tüchern, unten am Rohr ebenfalls ein schwarzer Drehknopf. Ich seufzte. Scheint wohl wirklich normal zu sein. Dann philosophierten Garry und ich noch eine Weile über das Leben bis schließlich seine reizende Frau Erin von einem Arbeitsdinner nach Hause kam und ich sie endlich einmal kennen lernte. Nachdem wir uns auch noch eine Weile unterhalten hatten, machte ich mich auf den Heimweg, wobei Garry – es ging mittlerweile auf die Geisterstunde zu – darauf bestand, dass ich ein Taxi und nicht die U-Bahn nach Hause nehme. Er ließ nicht mit sich reden und bugsierte mich persönlich in das gelbe Gefährt. Ich hasse es, alleine Taxi zu fahren. Bekommt ein Mädchen nicht sein Leben lang eingetrichtert „Steig nicht (allein) zu fremden Männern ins Auto“ und beim Taxi bezahlt man sogar noch dafür…

Nun, ich komme sicher daheim an, verkrümel mich ins Bett – und bin wach! Hach, checke ich eben noch kurz die Nachrichtenseiten, damit ich auf dem Laufenden bin. So jetzt aber. Licht aus. Schlafen….nix geht. Ich presse die Augen zu. Ich beschalle mich per Handy mit Relax- und Einschlafmelodien. Keine Chance. Rot leuchtet die Weckeranzeige: 2.00 Uhr. Ich war schon zweimal aus Langeweile auf der Toilette. Als die Uhr 2.30 Uhr zeigt, geht es plötzlich neben mir los: nock nock nock. zisch zisch. ratter ratter. Die Monsterheizung erwacht wieder zum Leben. Und wie. Nach kürzester Zeit habe ich das Gefühl ein Grillhähnchen zu sein. Licht an. Hatte ich nicht dieses Ventil…? Ah, da steht was „open“…ich drehe hektisch und soweit es geht in die entgegen gesetzte Richtung. Die Geräusche lassen nicht wirklich nach. Die Hitze auch nicht. Ich bin kurz vorm Durchdrehen – und Verdursten. Laut meinem Thermometer habe ich knapp 30% Luftfeuchtigkeit im Raum. Ich hechte zum Kühlschrank und reiße die Türe auf. Verdammt, ich dachte, ich hätte noch Sprudel…Im Eiltempo scanne ich den restlichen Inhalt. Das einzig Trinkbare ist eine Dose Cola, die ich noch von Ex-Nachbarin Alexa geerbt hatte. Hm, nicht wirklich das ideale Getränk, wenn man unbedingt schlafen will und schon einen halben Liter Schwarztee intus hat. Ich lege mich durstig wieder hin, spüre förmlich wie die letzte Feuchtigkeit aus meinem Körper gezogen wird und versinke im Selbstmitleid. Daheim in Deutschland wohne ich in einem Haus, dessen Fundamente aus einer Zeit stammen, als sich hier Fuchs und Indianer noch friedlich gute Nacht gesagt haben. Ich bin also so Manches gewohnt. Aber irgendwie…so langsam…ist hier eine Grenze erreicht. Gegen vier überwinde ich mich schließlich, Chlorwasser aus Hahn zu trinken (bääääääääääääh!), ab circa halb fünf verfalle ich in einen unruhigen Dämmerschlaf bis um sieben der Wecker schrillt und mich zur Arbeit schickt.

Auf dem Weg dorthin versorge ich mich bei Duane Reade mit Meerwasserspray für die Nasenschleimhaut, damit nicht mehr jeder Atemzug schmerzt. Aber hach. Liebe Amis. Was soll denn das sein?! Habt ihr noch nicht gesehen wie gescheite Nasensprayfläschlein und deren Mechanismus aussehen? Offenbar nicht. Denn hier bekomme ich eine Plastikflasche, auf die man im Ganzen draufdrücken muss, und dann soll dabei oben rausgesprüht kommen. Es funktioniert nur mittelprächtig, außerdem möchte ich nicht wissen, wie viel giftige Weichmacher ich mir da täglich in die Nase halte. Der Geruch lässt nichts Gutes ahnen. Am Abend verteile ich wassergetränkte Handtücher auf dem Heizkörper und stelle noch einen großen Topf mit Wasser auf den Herd. Vielleicht kann ich ja so schlafen. Doch es geht natürlich wieder los. Mitten in der Nacht. Dieses Mal das typische Heizungsrauschen, das man auch aus Deutschland kennt. Ich hasse das Geräusch und renne auch daheim immer durchs ganze Haus und stelle alle Heizkörper ab, damit es nachts nicht mehr plätschert. Hier tatsche ich nun alle dreißig Minuten panisch am Heizkörper rum, um zu testen, ob er wieder heiß wird oder nicht. Denn eigentlich ist das Ventil zu. (Ich drehe in dieser Nacht ca. 5x noch mehr in Richtung zu, nur um ganz sicher zu gehen…). So kochend heiß wie anfangs wird es nicht mehr, aber warm durchaus. Stündlich sprühe ich mir Salzwasser in die Nase, denn die Wasserschüsseln und nassen Handtücher bringen keinen wirklichen Erfolg. Also wird wieder das Fenster geöffnet. Gegen das Rauschen stopfe ich mir schließlich Ohropax in die Lauscher, auch wenn es nach einiger Zeit in meinen zarten Öhren wieder schmerzhaft drücken wird. Am Morgen flitze ich schnurstracks in den Baumarkt. Ich besorge mir einen Luftbefeuchter. Er summt nun leise vor sich hin. Ich bin gespannt auf die kommende Nacht in meinem ganz echten New Yorker Leben.

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