740 Park Avenue

Unverhofft kommt oft – besonders in New York. So auch am Montag als ich unbekümmert im Büro vor mich hinschaffe und plötzlich meine Kollegin im Zimmer auftauch: „Cornelia, ein Anruf für dich, von der Uni Heidelberg, von Rosie!“ Rosie?? Ich kenne keine Rosie, oder doch? Ich folge ihr in ihr Büro und krame dabei erfolglos in meinem Gedächtnis. Zögernd nehme ich den Hörer in die Hand. Am anderen Ende der Strippe meldet sich – wie angekündigt Rosie, allerdings nicht aus Übersee, sondern von ein paar Stockwerken oberhalb, sie ist eine Mitarbeiterin aus dem Liasion-Office. Ob ich am nächsten Abend schon etwas vorhätte, wenn nicht, würde sie mich gerne zum Weihnachtsempfang in der Privatresidenz des Konsuls einladen. Ich sei zwar sozusagen „Nachrücker“, weil viele abgesagt hätten, aber nun ja. Ich sage freudig zu, notiere mir die Adresse und verziehe mich wieder in mein eigenes Büro. 

So, wo muss ich denn da hin? Ich gebe die mir diktierte Park-Avenue-Adresse in die Google-Suchmaske ein. Öhm, ups. Das Gebäude hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Ich glaube ich habe ungefähr so geschaut. Der Schuppen hat also die höchste Milliardärsdichte der USA, Designerin Vera Wang (die mit den Brautkleidern…) wohnt hier und Jackie Kennedy hat hier ihre Kindheit verbracht. Supi, das ist ja genau mein Terrain. *hüstel*. Aber okay, nachdem ich nun die zweitwichtigste Frage – wo muss ich hin – geklärt habe, kann ich mich nun der wichtigsten widmen: Was zieh ich an? Ob ich noch schnell zu Macys haste nach der Arbeit? Zu Buffalo? Ich entscheide mich dann, doch erst einmal in meinem „Fundus“ zu schauen.  Vor dem new-york-heimischen Kleiderschrank dann wieder der Effekt: ach das Kleid hab ich ja auch und das….ach und das…Ich probiere mich eine halbe Stunde durch die verschiedenen Textilien, bevor ich schließlich ein blaues Chiffonkleid zum Sieger küre. Vor lauter Begeisterung schmeiße ich mir dann fünf Minuten später eine fettige Olive aufs Dress….Krise. Aber ich schaffe es, den Fleck bis zum nächsten Morgen wieder verschwinden zu lassen und mache mich hübsch gewandet auf zur Arbeit.

„Naaa, freust du dich schon?“ fragen mich meine Kolleginnen – ich glaube sie sind neidisch. Ja klar freue ich mich, auch wenn ich nicht weiß, was mich erwartet. Um kurz nach sechs stelle ich mit Schrecken fest, wie spät es ist und dass laut Einladung um 18.30 Uhr der Empfang beginnt. Während ich auf den Lift-Knopf einhämmere, frage ich mich, ob man denn auch pünktlich sein muss (schließlich ist es ja ein „deutscher“ Empfang) oder ob man irgendwann eintrudeln darf? Vor dem Haus hält gerade ein Taxi – ob ich mich edel chauffieren lasse oder doch lieber die Subway nehme? Da das Taxi wohl eh nur im Feierabendverkehr feststecken würde und ich leider noch nicht so firm bin, dass ich dem Taxifahrer – wie man es aus den ganzen Filmen kennt – Anweisungen geben kann, wie er am besten fahren soll, hetze ich Richtung U-Bahn. An der 68. Straße angekommen, eile ich weiter per pedes durch die wieder einmal stockfinstere Upper East Side zur 71. Straße, Park Avenue. Welches dieser Häuser ist es denn nun??? Es ist das, mit der kleinsten, unscheinbarsten Markise überhaupt. Schnell schlüpfe ich von meinen Ballerinas in die mitgebrachten (sonst schleppe ich alles immer in Abercrombie-Tüten durch die Gegend, weil die so schön stabil sind, für den heutigen Abend habe ich jedoch meine neutrale cremeweiße Anthropologie-Tüte gewählt, man weiß ja nicht, wie die Herrschaften auf nackte Waschbrettbäuche auf Papiertüten reagieren…) hochhackigen Stiefel und stöckele zum Eingang, wo mir ein livrierter Herr die schwere Eisentüre öffnet. Ich versuche so vornehm wie möglich zu lächeln und sage mit einem leichten, höflichen Nicken „Good evening!“ – Ich glaube ich habe hier in New York noch nie „Good evening“ gesagt und schon gar nicht in dieser Aussprache, Doch ich komme gar nicht dazu, über mich zu schmunzeln, denn erneut gehen mir die Augen über. Denn das, was das Haus nach außen an Understatement ausstrahlt, macht es hier innendrin doppelt und dreifach gut. Dunkler Marmor, Blumengestecke, wuchtige Leuchter. Ein weiterer Doorman begrüßt mich und deutet mir zunächst den Weg zu einem Tisch, wo Namensschildchen verteilt werden und dann  einen Gang entlang, wo die Garderobe sei. Ich bemühe mich unfallfrei über die Stufen und schweren Teppiche zur Garderobe zu kommen und wieder zurück (die Fotos zeigen diesen Gang), wo es nun mit zwei weiteren Gästen in einen kleinen Aufzug geht. Dieser bringt uns direkt in die Konsul’sche Wohnung. Ein Dienstmädchen (schön in schwarz-weißer Kluft mit Häubchen, wie man es sich vorstellt) empfängt uns und weist uns den Weg Richtung Salon, wo die Hausherrin die Gäste begrüßt. Man merkt wie alle reichlich nervös sind und jeder versucht einen guten Eindruck zu machen oder ja nicht irgendwie aufzufallen. Was kurios ist, denn eigentlich kennen sich die meisten, der Konsul ist auch jeden Tag im Deutschen Haus unterwegs. Zur Nervenberuhigung tut man sich am Fingerfood, das herumgereicht wird, gütlich. Besonders begehrt allerdings: Die drei Platten mit Lebkuchen und anderem Weihnachtsgebäck – vor allem die Dominosteine sind gleich ratzeputz weggefuttert.

Ich unterhalte mich eben nett, da macht es kling-kling am Glas. Zeit für die Begrüßungsrede. Wir versuchen uns irgendwie unauffällig nach hinten zu verkrümeln, zu spät, da stehen wir nun in der ersten Reihe und lauschen den ernsten wie humorvollen Worten des Konsuls, der diese in wunderbar noblem Englisch vorträgt. Er erinnert mich immer ein bisschen an Rolf Seelmann-Eggebert, den mittlerweile vor allem als Adels-Experten bekannten Journalisten des NDR. Ich könnte ihn mir auch prima als nächsten Bundespräsidenten vorstellen (als ehemaliger persönlicher Referent von Richard v. Weizsäcker kennt er das Business auch). Und so geht der Abend dann dahin, hier eine Unterhaltung, da ein Gespräch (Top-Thema ist grundsätzlich: In welchem Stadtteil wohnst du? Von dort aus wird dann das gesamte Thema ‚Wohnen & New York‘ erörtert). Man steht im schick anzusehenden Wohnzimmer, auf die unheimlich bequem aussehenden Sofas traut sich niemand zu setzen. Offiziell war der Empfang bis 20.30 Uhr angesetzt. Irgendwann merke ich, wie es sich doch spürbar leert. Auch das Pärchen, mit dem ich mich unterhalte, meint irgendwann: „Ich glaube wir sollten gehen….“ Da gesellt sich ein junger Biologe – sieht aus als wäre er Jürgen Klopps jüngerer Bruder – zu uns und wir sind wieder im Gespräch verwickelt. Nach einigen weiteren Minuten sind außer uns aber nur noch drei Gäste da, jetzt sollten wir wirklich gehen. Doch verabschiedet man sich jetzt vom Konsul, der eigentlich gar nicht weiß, wer man ist? Aber einfach gehen geht auch nicht. Gibt man die Hand? Es folgt ein peinlich berührtes und schüchternes Danksagen und wir schleichen aus dem Salon, zurück Richtung Aufzug. Ein junger Mann neben mir bemerkt: „Oh, da geht ja noch eine Treppe hoch!“ -„Ja, da oben stehen dann die Ikea-Möbel!“; entfährt es mir. Die anderen grinsen breit, aber alle halten wir noch die Luft an und trippeln in den Lift. Die Tür schließt sich, alle atmen hörbar aus und prusten ob dessen eine Sekunde später laut lachend los. Die Liftfahrt dauert nicht lange und wir erschrecken als in unser hysterisch-erleichtertes Lachen plötzlich das „Bing!“ des Aufzugs tönt und sich unten wieder die Tür öffnet. Wir räuspern uns alle und nehmen wieder Haltung an, um ohne größeres Aufsehen unsere Mäntel von der Garderobe wieder abzuholen. Wir huschen vorbei an den beiden Doormen und stehen wieder draußen in der frischen New Yorker Nachtluft. Es ist mittlerweile viertel nach neun. We overstayed our welcome. Nunja…wir drehen uns noch einmal um und blicken an 740 Park Avenue hinauf bevor wir uns in unsere eigenen bescheidenen Bleiben aufmachen.

2013-12-03 21.05.28 (Kopie) 2013-12-03 21.06.33 (Kopie)

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