Goldener Herbst in Cold Spring

Da es ja einige gibt, die immer gespannt den nächsten Einträgen hier entgegenfiebern, mache ich mich mal an die Arbeit euch von meinem Samstag zu erzählen. Seitdem ist nicht so wahnsinnig viel passiert, denn leider geht es mir auch wieder relativ bescheiden – täglich Schwindel, Ohren- und Kieferdruck (Sinusitis???) und auch seelisch lässt meine Verfassung wieder ziemlich zu wünschen übrig. Ich will zwar nicht mehr – wie vor einigen Wochen – direkt heim, aber ein Gefühl der großen Einsamkeit macht sich breit. Mit niemandem kann ich direkt meine Erlebnisse teilen, niemand ist da, der einen mal in den Arm nimmt, der bei einem ist. Und auch mit den daheim gebliebenen zu kommunizieren, ist aufgrund der 6-stündigen (diese Woche nur 5, da die Umstellung auf die Winterzeit hier erst am nächsten Wochenende erfolgt) Zeitverschiebung nicht immer ein Leichtes. Da ich noch dazu recht schüchterner Mensch bin und deshalb kein Typ, der sich innerhalb kurzer Zeit einen neuen Freundeskreis zimmert, wird mir im Hinblick auf die nächsten Monate durchaus mulmig. Ein bisschen fühle ich mich dabei immer an den Film „Liebe braucht keine Ferien“ mit Cameron Diaz, Jack Black, Kate Winslet und Jude Law erinnert, in dem die Protagonistin, weil sie sich einsam fühlt auch auf einen anderen Kontinent fliegt, um dort dann festzustellen, dass es so gesehen nicht die hellste Idee war, an einen Ort zu gehen, an dem sie keine Menschenseele kennt. Aber okay, das ist Hollywood und natürlich klopft wenig später Jude Law an die Türe und alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Tja, Jude Law. Würde er noch in New York wohnen, könnte ich bei ihm an die Türe klopfen. Denn ich weiß, wo er mal gewohnt hat. Und das kam so: Vor fast auf den Tag genau vor 4 Jahren bummelte ich abends mit meiner Mutter vom Washington Square Richtung Bleecker Street. Es war gerade schon dunkel geworden und ich hatte sicherheitshalber die Fotokamera schon tiiiief in der Tasche verstaut. Wir liefen durch die West 4 Street und im Dunkeln auf der Treppe einer Kirche saß ein Mann mit drei Kindern. Intuitiv schoss mir durch den Kopf: „Wieso hockt der denn da so im Dunkeln als ob er was zu verbergen hat?!“ In dem Moment hielt ein gelbes Taxi vor dem Haus, die Vierergruppe erhob sich und ging sehr schnellen Schritts zum Taxi und ich stieß dabei um ein Haar mit dem Mann zusammen, der sich, als ich hinschaute, als Jude Law entpuppte. Verdammt, der sieht ja in natura so umwerfend aus wie auf der Leinwand! Ungefähr meine Größe, gewandet in Jeans, Hemd und kariertem Jackett und diese Augen…Hach. Meine Mutter war schon 10m voraus gerannt und es folgte das gepresst gebrüllte Flüstern meinerseits: „Da is Juuuuude Laaaahaaaaaw!“ Er schaute mich dann nochmal skeptisch an und ich versuchte unschuldig zu lächeln und damit zu signalisieren, dass ich weder eine Kamera in der Hand habe noch sonstwie gedenke ihn zu belästigen, dann stieg er ein und das Auto sauste davon und ich versuchte meinen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu kriegen. Dass es sich bei der „Kirche“ um sein Wohnhaus handelte, erfuhr ich übrigens erst ein paar Wochen später aus dem Branchenblatt „InTouch“.

Ein solches Promi-Sighting hatte ich leider auch vergangenen Samstag nicht (langsam werde ich ungeduldig….irgendeinen muss ich doch endlich mal sehen! Demnächst wird der Punkt erreicht sein, an dem ich mich sogar über Liliana Matthäus freuen würde…naja…okay…vielleicht doch nicht). Aber Schönes zu sehen gab es trotzdem. Wunderschönes. Doch der Reihe nach. Nachdem ich morgens bereits einen ersten Spaziergang gemacht hatte, um den Luftbefeuchter im Baumarkt zu kaufen (macht recht gute Dienste, meine Nase fühlt sich nicht mehr an als sei sie mit Schmirgelpapier ausgekleidet) und mich eben schön mit einem Bagel und fälschlicherweise Mocha von Starbucks (ich hatte „Tall Salted Caramel Hot Chocolate with skimmed milk“ unfallfrei und deutlich über die Lippen gebracht du Barrista-Heini!) an den Tisch gesetzt hatte, um zu bloggen, fiel mein Blick auf die Uhr. Die Zeit rast aber auch. Und eiiigentlich wollte ich doch heute das traumhafte (mal wieder..) Wetter ausnutzen, um nach Cold Spring zu fahren. Jenem kleinen verschlafenen Nest, das ich erstmals im Mai besucht hatte und dort Bäumchen und Gärtchen und Landschaft in pastelliger Frühlingsblütenschöheit bewundern durfte. Ein Highlight bei einem Besuch in Cold Spring ist dabei auch die Zugfahrt, die einen etwas über eine Stunde direkt am Hudson River entlang führt. Damals sagte ich noch: „Das muss toll sein, im Herbst, wenn die Blätter bunt verfärbt sind.“ Tja und wie es das Schicksal eben so wollte, habe ich just in diesem Herbst direkt die Möglichkeit, meine Vermutung zu überprüfen.

Also schnappe ich schnell meine Handtasche, Fotokamera, Handy und Schlüssel und hetze los. Denn der Zug fährt nur einmal pro Stunde und ich habe nicht mehr wirklich viel Zeit, um zu Grand Central zu kommen, wo ich auch noch ein Ticket der Metro North Railroad kaufen muss. Der L-Train kommt fix, ein Glück. Aber ich muss ja noch umsteigen. Ich hetze am Union Square durch die U-Bahn-Station zum nächsten Gleis. Na super, fünf Minuten bis die nächste Bahn kommt. Mist, hätte ich doch vorher nicht so getrödelt. Und während ich mir in Gedanken ausmale, wie ich eine Stunde in Grand Central rumbringe (Window Shopping? Food Concourse? Oder Blasenentzündung riskieren und auf die Marmortreppe setzen und an die Sternendecke starren?), dringt plötzlich wieder Musik an meine Ohren. Und was für Musik! Ein alter Mann steht an einer karibischen Steel Drum und spielt zum Instrumental-Playback aus dem Lautsprecher „Careless Whisper“ von George Michael. Eine zuerst grotesk anmutende Mischung: Die eigentlich grundsätzlich fröhlich und gelöst klingende Steel Drum als Begleitung zu dieser wunderschönen, aber eben auch traurigen Ballade. So geht es wohl zunächst auch den Umstehenden wie den ungläubigen Mienen zu entnehmen ist. Doch auf einmal entfaltet sich ein Zauber an diesem Samstagvormittag, auf einem dunklen, schmutzigen und engem U-Bahnsteig in New York City: Ein Pärchen tanzt eng umschlungen Stehblues, eine Mutter wiegt sich mit ihrem kleinen Töchterchen auf dem Arm zur Musik und auch der Rest schwelgt verträumt und wünscht sich, dass die U-Bahn bitte erst nach Ende des Liedes einfahren möge. Der Wunsch wird erhöht. Ich steige ein, beseelt von diesem unerwarteten New York Moment und rolle nun weiter Richtung Grand Central.

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Raus aus der U-Bahn und hoch die Treppen. Im Mai hatte sich der Metro North-Automat strikt geweigert unsere Kreditkarten zu akzeptieren. Also habe ich vorgesorgt und extra einen 50 Dollar Schein eingesteckt. Hektisch tippse ich auf dem Bildschirm meinen Reisewunsch ein und stopfe den Schein in den Bargeldschlitz. Ätschibätschi – bitte zahlen Sie passend, es gibt kein Wechselgeld. Aaaaargh. Okay, versuchen wir doch nochmal die Kreditkarte und bingo – es klappt! Karte geschnappt, einen erschrockenen Blick auf die nun lange Warteschlange hinter mir geworfen und Richtung Gleis gehetzt und in den Zug gesprungen! Geschafft!

Sogar auf der „richtigen“ Seite zum Schauen ist noch ein schöner Platz am Fenster für mich frei. Ich mache es mir bequem. Die anderen Reisenden ebenfalls. Da ertönt eine Ansage des Schaffners. In routiniert freundlich-ernstem Ton weist er darauf hin, dass kein Gepäck im Gang stehen darf, Fahrräder eine eigene Fahrerlaubnis zu 5 Dollar benötigen und dass man hier im Zug zwar Tickets kaufen kann, diese aber erheblich teurer sind als der Normalpreis, in welchen Waggons sich die Toiletten befinden uswusf. Dann macht er eine Pause und fährt fort: „For those of you with headphones on at this moment, please disregard this message because you won’t hear it anyway!“ Der gesamte Zug brüllt los vor Lachen. Na das kann ja eine heitere Fahrt werden. Immer schön, wenn manche Leute für ihren Beruf noch brennen oder zumindest eine gehörige Portion Galgenhumor entwickeln. Denn eigentlich sieht der Herr ganz und gar nicht nach einem typischen Schaffner aus. Eher wie aus einem Werbeprospekt für PanAm-Piloten, es fehlt nur eine Schar von Püppchen, die im Kostüm hinter ihm hertrippelt. So schaue ich aber zu, wie Mr. North Railroad die Tickets kontrolliert, abknipst und geknipste Pappstreifen in die Sitzlehnen steckt. Schon bei meiner letzten Fahrt hatte ich versucht, das System zu kapieren. Bei einer kürzlich ausgestrahlten New York Doku lernte ich nun, dass es sich um Geheimsystem handelt, das man als Passagier gar nicht verstehen soll. Aha. Die Amis. Immer wieder für eine Überraschung gut.

Aber so kann ich mich dann von der Schönheit im Zug zu den Schönheiten außerhalb zuwenden, wegen der ich ja eigentlich hier sitze. Und kaum haben wir New York in nördlicher Richtung verlassen erahne ich bei dem Blick aus dem Fenster, dass die „Fall Foliage Map“, auf der Internetseite, auf der ich mich über die Zeit der Laubfärbung informiert hatte, offenbar Recht hatte, indem sie für Cold Spring die letzten beiden Oktoberwochen als „peak“ auswies. Die Wälder, die die schroffen Felswände, die am Ufer des Hudsons gen Himmel streben, säumen leuchten in unzähligen grün-orange-rot-braun Tönen. Kilometerlang saust man am Wasser entlang, sieht kleine Yachthäfen und hält an noch kleineren Bahnhöfen mit lustigen Namen.

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Dann ist schließlich Cold Spring dran und der Zug spuckt die meisten seiner Insassen aus. Den kleinen Weg entlang geht es dann zum Dorf. Ja, merklich voller an diesem Samstag als beim Frühlingsausflug unter der Woche, aber zum Glück nicht so überrannt, wie ich es befürchtet hatte. So wirkt die Main Street auch jetzt noch friedlich, urig, wie aus einer anderen Welt. Kleine Häuser stehen links und rechts, viele beherbergen Antiquitätenläden. Oder besser gesagt, sind Aufbewahrungsort für Unmengen ans Kunst und Krempel, Kitsch und Kostbares, ein buntes Sammelsurium. Einer der größten Läden dieser Art war früher, so erfahre ich von der Besitzerin, das örtliche Kino bevor es zunächst in einer Tanzschule und dann in den Antiquitätenladen umgewandelt wurde. Ich stöbere zwischen Büchern, Schmuck, Geschirr, Bildern und ausgestopften Tieren. Unzählige Präsidenten blicken mich aus Ölgemälden oder von Wahlkampfmemorabilia der vergangenen Dekaden an.

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Langsam meldet sich der Hunger und möchte gern wieder in Hudson Hil’s Café, wo ich auch beim letzten Besuch war und es köstlich geschmeckt und eine überaus herzliche Bedienung gab. Leider hat sich das ganz offensichtlich rumgesprochen und die ganzen Trip Advisor und Zagat rated Aufkleber in der Eingangstür kommen nicht von ungefähr. Ungefähr 15-20 Leute stehen in Grüppchen vor der Veranda des Cafés und warten auf einen Tisch. Na super. Ich gehe erst einmal retour, runter ans Wasser. Dort lege ich mich auf eine Bank und lasse mich von der Herbstsonne wärmen und höre den Möwen beim Kreischen zu. Nach einiger Zeit starte ich einen neuen Anlauf Richtung Café. Doch das gleiche Bild wie zuvor. Dann gehts eben erst noch zu der putzigen Kirche, ebenfalls umgeben von zahlreichen Bäumen in goldenen Herbstfarben, das möchte ich sehen. Eine Freundesclique bittet mich, ein Foto von Ihnen zu machen und sie wollen dann auch gleich mich fotografieren. Achja, nette Idee. Trotzdem, nachdem ich bereits auf der Bank am Wasser Einsamkeit und den Wunsch, jetzt hier nicht alleine, sondern mit einem lieben Menschen an seiner Seite sitzen zu können, hochgekommen war, spüre ich nun noch mehr diese Einsamkeit. Den ganzen Tag sind mir nur Pärchen, Familien, Cliquen begegnet. Ich werde traurig, ich mag hier nicht mehr alleine spazieren gehen, so wunderschön es auch ist. Also laufe ich zurück zum Bahnhof, vorbei an der immernoch hoffnungslos langen Warteschlange für das Café. Ich steige in den Zug, schaukele nochmal den Hudson entlang und finde mich dann wieder im Gewühl von Grand Central. Ich gehe heim. Bloggen. Wenigstens ein bisschen mein Leben hier mit anderen teilen.

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