Das lebende Voodoo-Püppchen

Es ist Freitagmorgen. Ich schlage die Augen auf. Oje. Der Hals schmerzt und brennt. Die Nase halb zu. Und auch die Unpässlichkeiten der vergangenen Tage scheinen noch nicht die Flatter gemacht zu haben. Schlecht. Ich koche mir erst einmal einen wärmenden Tee und schaue, was während ich geschlummert habe, so in der Welt vor sich ging und schreibe ein paar E-Mails. Dabei beobachte ich die Uhr genau, denn um 11.00 Uhr sollte ich schleunigst auf die Seite des Madison Square Gardens gehen. Denn dann beginnt der Vorverkauf für zwei Elton-John-Konzerte im Dezember. Jetzt bin ich nicht der riiiiesen Elton John Fan, aber der spleenige Kerl made in England hat doch ein paar ganz nette Songs und außerdem wollte ich immer gerne mal ein Konzert im MSG besuchen, da kommt das doch gelegen. Ich entscheide mich für eine mittlere Preiskategorie (immer noch teuer genug…), lande damit irgendwo hinten oben, aber was soll’s. „Cornelia, you’re going to Elton John!“ verkündet das Buchungssystem endlich. Yippie. Muss ich nur hoffen, dass nicht ausgerechnet an dem Abend irgendein wichtiger Termin auf der Arbeit ansteht. Mal schauen, wen ich noch so alles live erleben werde hier, denn das hab ich mir vorgenommen, auszunutzen, um dann später mal ganz cool fallen zu lassen. „Ach XY? Den hab ich damals in New York gesehen…“😉 Wirklich reizen würde mich ja auch der Dalai Lama, der in drei Wochen im Beacon Theatre spricht. Leider sind die Preise für die jetzt noch erhältlichen Karten weder besonders buddhistisch noch christlich, sodass ich darauf hoffe, dass ein bisschen Aura über die ganze Stadt schwappt und ich so etwas davon mitbekomme.

Nachdem also das Ticket eingesackt ist, mache ich mich fertig zum gehen. Doch wohin? Ich sollte mal etwas essen, denn gefrühstückt habe ich noch nix und es geht auf Mittag zu. Aber so richtig Appetit habe ich auf keine der tausend Geschmacksrichtungen, die ich hier in New York finden kann. Ich gehe einfach mal los, doch unterwegs merke ich schon wieder…die Atmung wird schneller, mir wird heiß und kalt. Meine Güte, so kann das doch nicht weitergehen. Ich beschließe, es mal auf die asiatische Tour zu probieren und fahre nach Chinatown zu Lin Sisters Herb Shop. Ich schildere mein Problem und sie meint, ich solle am besten mal zum herbalist Frank gehen, der würde sich um mich kümmern. Alles klar. Ich gehe wie mir geheißen zum Ende des langen Geschäfts, wo eine enge steile Treppe in den ersten Stock führt. Hier wiederum stehen ein paar Stühle und ein Tresen und mir wird ein Formular in die Hand gedrückt, das ich ausfüllen soll. Adresse, Krankheiten, Grund des Besuchs. Das Übliche eben. Dann steht ein groß gewachsener Chinese im weißen Arztkittel vor mir und lächelt mich gütig an und bedeutet mir mitzukommen. In einem winzigen Raum setzt er sich an einen Schreibtisch, ich mich daneben auf einen Stuhl. Er zeigt sich auf das Handgelenk und sagt „Pulse! Pulse!“, ich reiche meine recht Hand, er fühlt konzentriert den Puls. Wahrscheinlich wird er mir gleich meine halbe Lebensgeschichte anhand dessen erzählen können. Er bittet um die linke Hand. Dann noch ein Blick auf die Zunge. Aha. Niere und Leber gehe es nicht gut,sie seien schwach und angespannt, außerdem seien meine Hormone durcheinander. Er würde mir eine Teemischung verschreiben, von der ich jeden Tag morgens und abends jeweils eine halbe Tasse trinken solle. Ich bin zu allem bereit und nicke.  Dann will er wissen, ob ich schon einmal Akupunktur bekommen hätte. Vor vielen Jahren, ja. Aha, ja, denn das könne mir noch helfen. Ob ich denn Zeit hätte. Klar, hab ich, klar will ich. Der Doc strahlt und springt vom Stuhl auf und schiebt mich ein Räumchen weiter. Er breitet auf einer Liege ein Stück Papier aus und bedeutet mir mein Oberteil auszuziehen. Ich setze mich hin und warte. Er kommt zurück „Laida, laida“ – Wie meinen? Ach hinlegen. „Lie down“. Ich lege mich hin, Kopf nach unten. Und dann spüre ich wie der asiatische Schamane mich mit Nadeln spickt, das Licht löscht und den Raum verlässt. Ich liege da und versuche mich zu entspannen. Ein warmes Gefühl breitet dich den ganzen Rücken entlang aus. „Krass, wie das wirkt!“, denke ich. Dann erinnere ich mich aber dunkel, dass da neben der Liege eine Wärmelampe stand. Hm. wohl doch nicht so eine Wunderwirkung, aber egal, kann ja noch kommen. Irgendwann klingelt der Wecker, doch niemand erscheint. „Heee, das Hähnchen ist fertig gegrillt!“, möchte ich rufen, denn unter der Heizlampe ist es mittlerweile ganz schön heiß, aber ich bin zu KO und schwach. Dann geht die Tür aber doch auf und mir werden die Nadeln gezogen. Diese seien gegen Kopfweh und Stress, jene für da Immunsystem, und diese beiden wiederum für Leber und Niere gewesen. Aha. Dann sagt er „tönoa“, ich lächle matt. Er wieder „tönoa“. Hmmm? Ich fühle mich total verstrahlt, alles dreht sich erst recht. Irgendwann fällt der Groschen. Turn over…auf den Rücken soll ich mich nun legen. Aha, es geht also noch weiter. Und ehe ich mich versehe, habe ich im Bauch und an den Fesseln weitere Nadeln stecken. Na dann. Noch ein paar Minuten still liegen. Ich komme mir vor wie ein lebendes Voodoo-Püppchen. Der Mann weiß sicher, was er tut, beruhige ich mich.Irgendwann ist auch die Zeit vorbei, die Nadeln werden gezogen, ich solle aufstehen und mich anziehen. Leichter gesagt als getan, denn nun ist mir richtig schwindelig. Alles dreht sich. Ich setze mich erst einmal draußen hin und trinke einen Becher Wasser. Der Medizinmann schaut nochmal nach mir, er fängt an verlegen zu kichern und zeigt in mein Gesicht. Ich runzle die Stirn. „Make-up! Bathroom!“ sagt er und zeigt um die Ecke. Ein Blick in den Spiegel verrät: Panda-Augen, der ganze Mascara verwischt. Immerhin, sie kümmern sich, denke ich und wische das Schwarze unter meinen Augen weg. Dann hangle ich mich die Treppe in den Verkaufsraum runter, wo schon eine große Tüte mit Teemischung für mich wartet. Ich bezahle und stehe wieder auf der Straße. Hm, die Hoffnung hier wieder wie ein junges Reh rauszuhüpfen hat sich leider zerschlagen. Aber wer weiß, mit etwas Geduld passiert ja vielleicht doch etwas.

Ich fahre zurück Richtung Union Square und gehe im dortigen „Food Emporium“ Supermarkt ein paar Lebensmittel einkaufen. Milch, Butter, Eier. Danach zu Whole Foods um die Ecke zum Buffet. Es ist mittlerweile drei Uhr, ich habe immer noch nichts gegessen. Das sollte ich nun mal ändern auch wenn sich mein Appetit weiterhin in Grenzen hält. Nachdem ich ein bisschen was gegessen habe, setze ich mich in die U-Bahn Richtung Upper East Side, genauer gesagt Metropolitan Museum of Art, noch genauer: Der Met Store und die Poster. Ich steige die riesigen Stufen zum Museum empor, und gehe durch die Eingangstür. So, wo ist denn nun der Shop? Ah, Taschenkontrolle. Naja, die werden schauen, wenn ich da mit meiner Milch….“No food, Miss!“ werde ich da schon angeherrscht. Och nöö. Mir ist schwindelig, fröstlig, kränklich, aber ich versuche trotzdem gewinnbringend zu lächeln. Ich will doch nur Poster kaufen. „No food!“. Ich bin extra von Downtown (naja…fast) hier hochgefahren, jammere ich. Ich könne ja die Tasche mit den Lebensmitteln vor dem Gebäude irgendwo abstellen, aber er wisse dann auch nicht was damit passiert, gibt er mir als Rat. Sehr witzig. Ich bleibe einfach stehen und irgendwann bekommt der Sicherheitsmensch wohl Mitleid. Ich solle mal mit dem Herren da – er zeigt hinter sich auf einen Tresen, an dem „Security“ steht – reden. Ich gehe hin, versuche mein strahlendstes Lächeln aufzusetzen, erkläre mein Anliegen und der Herr erbarmt sich, meine Milch und Butter für zehn Minuten in Verwahrung zu nehmen. Ich flitze los, hole meine Poster, und wieder zurück zu meinen Lebensmitteln. Sie sind noch da. Juhu. Ich nehme sie in Empfang und mache mich davon.

Daheim angekommen verstaue ich meine Einkäufe und beantworte noch ein paar Mails und schreibe den gestrigen Blogeintrag. Eigentlich wollte ich dann noch ein bisschen Mediathek schauen, doch das geht nicht. Es ist 20.15 Uhr und mir fallen die Augen zu.

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