Lebenszeichen

Hallo zusammen,

nachdem sich mehrere zu Wort gemeldet haben, dass sie sich Sorgen um mich machen, wollte ich wenigstens ein Lebenszeichen von mir geben. Ja ich lebe noch. Ja ich bin noch in New York. Aber wirklich leben tue ich leider nicht mehr in New York. Mein Alltag spielt sich zwischen Bett, Büro und diversen Arztpraxen ab, da es mir nach wie vor sehr elend geht und nach wie vor niemand eine Ahnung hat, woher meine Symptome kommen und alle bisherigen Tests mir eine bombastische Gesundheit attestieren…. Leider dauert auch alles eine Ewigkeit und das amerikanische Gesundheitssystem wird seinem Ruf mehr als gerecht. So warte ich seit 2 Wochen auf die Ergebnisse eines wichtigen Bluttests, ja aber da muss erst der liebe Herr Doktor draufschauen und dann kann man mir die Ergebnisse sagen, der liebe Herr Doktor ist aber erst am Montag wieder da und dann sind viele Patienten da, ich kann also am Dienstag anrufen. So geht es nun seit Wochen, die Zeit rast dahin und die Angst was mit mir los ist und die große Trauer und Wut darüber, dass das, was die tollste Zeit meines Lebens werden sollte und es auch absolut wäre (die Stadt! der Job! die Freunde, die ich mittlerweile gefunden habe! das neue Apartment, das ich liebe (okay….der Erfinder der Steamheating gehört gekreuzigt, aber sonst…)), wenn meine Gesundheit mir nicht gerade das meiste davon kaputtmachen würde, liefern sich ein Wettrennen darüber, was schlimmer ist. Ich versuche also weiterhin rauszufinden, was mit mir los ist und zu versuchen zu kämpfen und die Stadt so gut es geht dennoch zu genießen und darauf zu hoffen, der ein oder andere liebe Mensch, der mir Mut macht recht hat, wenn er sagt, dass im Frühjahr wenn alles erblüht und sprießt, auch meine Lebensgeister wieder zurückkehren.

Ich versuche mich mal an einem kleinen Recap dessen, was passiert ist in den letzten zwei Monaten und sich außerhalb irgendwelcher Medical Center abgespielt hat. Da war zum Beispiel das Elton John Konzert im Madison Square Garden am 4. Dezember. Etwas unglücklich getimt von mir, da am gleichen Tag die Tree Lightening Ceremony des wohl berühmtesten Weihnachtsbaumes der Welt, dem vor dem Rockefeller Center, stattfinden sollte. Aber nunja, da hätte ich mich mal vorher besser informieren sollen und so musste jemand ohne mein Beisein auf den Lichtschalter drücken und ich würde mich derweil bei dem kleinen – ebenfalls sehr bunt glitzernden – Engländer vergnügen. Es war nicht mein erster Besuch im MSG, der lag schon 5 Jahre zurück (damals bei meinem ersten NY Besuch…New York Knicks gegen die Dallas Mavericks und Dirk Nowitzki scorte 39 Punkte!!!, eines der tollsten NY Erlebnisse überhaupt, noch heute Dank an die Organisatorin damals…)  aber der erste nach dem Umbau (dazu gleich noch ein Wort). Als ich also vom Büro direkt in den MSG kam, war ich erst einmal etwas überrascht. Denn während in der U-Bahn noch lauter New Yorker und Touris waren, waren innendrin…nunja..wie soll man sagen: Amerikaner. Oder wie meine Mutter in solchen Situationen zu sagen pflegt “Das Land hat Ausgang!” Auf einmal sah man sie: Die Damen und Herren, deren BMI die gesunde Grenze weit überschritten hatte, die Baseballmützen, die hellblauen Karotten-Jeans mit weißen Turnschuhen, die Dauerwellen. Aber nun gut, die können vielleicht “trotzdem” ordentlich Stimmung machen. Als die Türe zum Saal sich öffnen, reihe ich mich ein in den Strom und fahre mit der Rolltreppe einige Etagen nach oben – denn ich habe ein Ticket im Oberrang. Während ich so fahre, denke ich noch: Das is so cool hier, mit den Rolltreppen. Tja, um es vorweg zu nehmen: Die Coolness währt genau so lange wie die Dinger funktionieren. Nach dem Konzert waren sie nämlich ausgefallen und tausende Leute mussten über die Rolltreppen nach unten laufen. In dem Moment war ich äußerst froh, dass kein Notfall war…denn wirklich voran kommt man nicht.

Ich suchte mir jedenfalls meinen Platz und oh mein Gott! Ich habe nun wirklich keine extreme Höhenangst, aber da mir an dem Abend gerade wieder so schwindelig war (und seit diesem Abend sollte der Schwindel nie mehr gehen…..) war es wirklich extrem. Beim Basketball saßen wir auch weit oben, aber es wirkte nicht so extrem. Hier jedoch – wow! Und dabei gibt es noch die “Brücke” die nochmal freischwebend über uns hing mit Sitzen. Also Warnung an alle, die da etwas empfindlich sind: Tickets nur im unteren Bereich kaufen!!!! Neben mir nahmen dann nach kurzer Zeit zwei Damen Platz. Mit irgendwelchen hochprozentigen Mixgetränken in der Hand. Das kann ja heiter werden, dachte ich. Aber die beiden, wohl Anfang 50,waren schon heiter. Sie waren aus New Jersey hergekommen. Sind extra früh los gefahren aus Angst vor Stau und waren dann aber doch schon um 12.00 in der Stadt und haben dann verschiedene Bars besucht (anderweitig kann man seine Zeit in der Stadt ja auch nicht rumbringen..)…Und dann ging es auch schon los, anch kurzer Vorgruppenmusik rockte dann Elton an seinem Klavier die Bühne. Es war wirklich toll, nicht megaspektakulär, aber einfach gute Musik und man hatte das Gefühl der Mann war mit Spaß bei der Sache!

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Eine Woche später stand der Abend dann ganz im Zeichen von New Yorker Weihnachtskitsch. Mit meiner Kollegin Jennifer schaute ich mir nicht nur endlich den Baum am Rockefeller Center an (wo an diesem Abend unter Woche kaum Trubel herrschte und man ausgiebig Fotos machen konnte). Und ich muss sagen: Hat schon was! Obwohl ich eigentlich bunte Beleuchtung gar nicht mag, aber doch, der hat was. Noch schöner allerdings fand ich die Engels-Dekorationen an den Blumenbeeten Richtung 5th Avenue. Danach ging es dann in die Radio City Music Hall zu den Rockettes und dem Christmas Spectacular. Ich wusste eigentlich gar nicht was mich erwarten würde und so saß ich auf meinem Plüschsessel und ließ mich überraschen. Und es war wirklich ein Spektakel. Santa Claus führt als Conferencier   durch den Abend. Zinnsoldaten und Lebkuchen und sonstige Weihnachtsbrimboriumcharaktere tanzen, dann gibt es ein bisschen Moralgeschichte (welches Geschenk ist das richtige für die Tochter? Mutter und Tochter waren übrigens Afroamerikanisch, also super politically correct!) und am Ende nochmal die “echte” Weihnachtsgeschichte mit Stern von Bethlehem und echten Kamelen auf der Bühne. Als hätten die Producer Dalli Dallo zur Frage “Was fällt dir zu Weihnachten ein?” gespielt. Dazwischen tanzen die Rockettes, die berühmte Tanztruppe, die es nun seit 80 Jahren gibt mit einer unglaublichen Perfektion und Synchronität, dass es einen begeistern muss und er einfach gerne lange Frauenbeine in hohen Schuhen sieht, hat hier auch seine helle Freude.

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Weihnachten…es war ein seltsames Weihnachten. Weit weg von daheim. Krank. Allein. Meine Eltern hatten mir ein paar kleine Präsente über den großen Teich geschickt und so saßen wir dann an Heiligabend vor den Laptops und der Webcam und haben Skype-Bescherung gefeiert. Meine Eltern im heimeligen so wohlvertrauten Wohnzimmer, ich im kargen Apartment, in dem ich nur noch eine Woche verbringen würde, das mich vielleicht mit seinem dicken schwarzen Schimmel unter den Fließen vergiftet und krank gemacht hat. Am Nachmittag machte ich mich dann auf Richtung Madison Square Park. Ein Shake Shack Burger als Weihnachtsessen. Da saß ich frierend am Tisch unter dem Heizpilz, der nicht heizte. Ich stieg wieder in die U-Bahn, weiter Richtung 5th Avenue. Während ich die Straße entlang lief, geschüttelt von Schwindelattacken, Richtung Rockefeller Center und St. Patrick’s Cathedral, kullerten mir die Tränen die Wange herunter. Nein, so hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Ich knipste nochmals den Baum (heute brodelte es) und ging dann zur St. Patrick’s Cathedral. Nun muss ich gestehen, dass ich schon recht lange kein Gotteshaus mehr von innen gesehen habe und mich von dem Verein in Deutschland offiziell verabschiedet habe, aber irgendwie war ich neugierig mal eine amerikanische Weihnachtsmesse zu erleben. Glücklicherweise ergatterte ich auch einen guten Platz ziemlich weit vorne mit schöner Sicht auf das Geschehen. Leider ist die Kirche aktuell innen komplett eingerüstet, was dem ganzen so ziemlich die sakrale Atmosphäre nimmt. Auch sonst war ich die meiste Zeit damit beschäftigt das Dröhnen und Pochen einer Migräneattacke in meinem Kopf zu verdrängen und wegzumassieren. Ich lauschte den Gebeten, der Predigt, den Liedern. Als schließlich Stille Nacht, Heilige Nacht – auf deutsch! – angestimmt wurde, war es dann um mich geschehen. Ich war nur noch ein schluchzendes Häufchen Elend, dass sich dann schnellstmöglich auf den Heimweg gemacht hat.

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Am nächsten Tag, dem Christmas Day, stand dann der “Orphan Christmas Fun” an, den eine Freundin von Garrys Mitarbeiter Alex organisiert hatte. Sie lud einfach Leute ein, die hier in New York weit weg von Familie und Freunden (also quasi Waisen) Weihnachten verbringen. Und so trafen sich dann in ihrer Wohnung ein Ire, eine Holländerin (Garrys Praktikantin Sophie), eine Chinesin (die Gastgeberin), ein Pole (Alex), eine Deutsche (moi,,,,) und eine Amerikanerin mit Deutschen Vorfahren. Wir futterten gemeinsam, schauten Weihnachtsfilme (Elf und Tatsächlich Liebe), spielten Spiele und schauten dem Hamster zu, wie er in einer Laufkugel durch die Wohnung strampelte.

Am letzten Weihnachtsfeiertag gönnte ich mir nochmal Kultur. Ein paar Tage zuvor hatte ich mir eine Restkarte für “The Nutcracker” vom New York City Ballett im Lincoln Center ergattert. Und da saß ich nun. Natürlich wieder, wie könnte es anders sein, mit mega Migräne und schaute der Darbietung auf der Bühne zu. Ich hatte das Stück bereits vor einigen Jahren im Nationaltheater in Prag gesehen. Wenn ich nun von der Preis-Leistung an die Sache rangehe…von dem Preis, den ich in NY für das Ticket bezahlt habe, kann ich von Deutschland nach Prag fliegen, schön Abend essen und noch ins Ballett (das hat damals nämlich umgerechnet unglaublich 2,50 Euro – in Worten: zwei euro fünfzig) gekostet und war wunder wunder schön. Hier war die Inszenierung auch sehr schön, das Bühnenbild, der Tanz, die Musik – toll! Leider erzählten sie die Geschichte jedoch nicht zu Ende und das Stück endete im Palast und Klara wacht gar nicht mehr aus dem Traum auf….Garrys Kommentar dazu: “Ja was glaubst du? Das kostet alles extra Geld und länger als 2 Stunden können New Yorker eh nicht aufpassen, dann wird ihnen langweilig.”

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Und was kommt nach Weihnachten? Richtig, Silvester! Und wo, weiß jeder New Yorker, dard man diesen Abend um Himmels Willen NICHT verbringen? Richtig! Am Times Square. Wo verbrachte meine Wenigkeit Silvester? RIchtig! Am Times Square. Aber nein, ich war nicht so bescheuert, in Eiseskälte 10h ohne ausreichend Proviant, ohne Toilette, ohne irgendwas in Gattern wie Schafe auszuharren, um dann zu sehen wie eine Glaskugel sich langsam senkt. Ich hatte das unverschämte Glück, dass die Orphan Christmas Fun Gastgeberin in einem Büro direkt am Times Square arbeitet und sie durften an diesem Abend ins Büro und Gäste mitbringen. D.h. gegen Acht Uhr trafen sich Sophie und ich an der 42. Straße, hatten unsere Einladung ausgedruckt (im nachhinein hätten wir da selber was bei photoshop zusammenbasteln können…) und kämpften und durch die Polizeiabsperrungen. Ein großartiges Gefühl! Ungefähr 6 mal mussten wir Polizeibeamte davon überzeugen, dass wir eine Einladung haben und weiter dürfen. Wir kamen unserem Ziel näher und näher. Und dann hatten wir es geschafft. Times Square Nummer 7. Chrissy war bereits am Nachmittag angerückt und hatte einen kleinen Konferenzraum blockiert für uns. Schaute man auf der einen Seite raus blickte man von hinten direkt auf die Kugel, den “Ball”, und den Times Square, schaut man zur anderen Seite raus erstrahlten dort Chrysler und Empire State Building. Und so saßen wir dann da, mampften Chips und Schokolade, streamten über YouTube “Dinner for One” (ein bisschen deutscher Kultur-Unterricht für die anderen :D) , verpassten vor lauter filmen und fotografieren den eigentlichen Countdown, spielten bis nachts um drei Montagsmaler. Dann machte ihc mich auf, lief 10 Blocks zu Garry und Erins Wohnung, wo ich auf dem Sofa nächtigen durfte, bevor ich am nächsten morgen nochmal zur Highline bin bevor ich aus meinem verhassten Apartment ausgezogen bin.

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Das ist nun genau einen Monat her. Seitdem gab es ein paar Winterstürme. Aber wirklich dramatisch war das zumindest hier nicht. Ja, es war verdammt kalt. Aber soooo viel Schnee wars nun wirklich nicht. Da lacht jeder Schwarzwälder oder Bayer dreimal herzlich. Die haben allerdings auch Winterreifen, was der gemeine Ami nicht hat. Und so rutschen sämtliche Autos nach drei Flocken und kriechen die Straßen entlang und es wird gehupt und gehupt und gehupt.  Interessanterweise ist der New Yorker Schnee ganz anders als der deutsche…irgendwie so ganz künstlich, krisselig, luftig. Auch anders ist hier das Streusalz. Sie salzen ordentlich, allerdings sind das so kleine Kügelchen (so groß wie Zuckerliebesperlen), die sich kaum auflösen. Statt auf dem Eis schlittert man also die ganze Zeit auf Kügelchen umher.

Letztes Wochenende habe ich mich dann schließlich gezwungen, das Sofa zu verlassen und mich mal wieder raus zu trauen, genau genommen in den Central Park. Denn es war schon immer mein Traum, den Central Park im weißen Schneegewand zu erleben. Ich habe zwar nur einen kleinen Teil geschafft, bevor ich erschöpft und halb erfroren war, aber der Teil war wunderwunderschön!

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In diesem Sinne….ich hoffe und bete, dass ich irgendwann wieder gesund werde und mehr wunderwunderschöne Erlebnisse habe, die ich dann hier gerne wieder mit euch teilen werde.

 

Liebe Steuerzahler

Man kann der Bundesregierung ja sicher oft unsinnige Geldverschwendung vorwerfen, aber dass das Auswärtige Amt unser sauer verdientes Geld für überbordende Weihnachtsdeko raushaut, kann man nun wirklich nicht behaupten. Hier die zwei riiiiiiiiesigen Weihnachtsbäume im Deutschen Haus (einmal im Restaurant, einmal im Foyer)

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740 Park Avenue

Unverhofft kommt oft – besonders in New York. So auch am Montag als ich unbekümmert im Büro vor mich hinschaffe und plötzlich meine Kollegin im Zimmer auftauch: “Cornelia, ein Anruf für dich, von der Uni Heidelberg, von Rosie!” Rosie?? Ich kenne keine Rosie, oder doch? Ich folge ihr in ihr Büro und krame dabei erfolglos in meinem Gedächtnis. Zögernd nehme ich den Hörer in die Hand. Am anderen Ende der Strippe meldet sich – wie angekündigt Rosie, allerdings nicht aus Übersee, sondern von ein paar Stockwerken oberhalb, sie ist eine Mitarbeiterin aus dem Liasion-Office. Ob ich am nächsten Abend schon etwas vorhätte, wenn nicht, würde sie mich gerne zum Weihnachtsempfang in der Privatresidenz des Konsuls einladen. Ich sei zwar sozusagen “Nachrücker”, weil viele abgesagt hätten, aber nun ja. Ich sage freudig zu, notiere mir die Adresse und verziehe mich wieder in mein eigenes Büro. 

So, wo muss ich denn da hin? Ich gebe die mir diktierte Park-Avenue-Adresse in die Google-Suchmaske ein. Öhm, ups. Das Gebäude hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Ich glaube ich habe ungefähr so geschaut. Der Schuppen hat also die höchste Milliardärsdichte der USA, Designerin Vera Wang (die mit den Brautkleidern…) wohnt hier und Jackie Kennedy hat hier ihre Kindheit verbracht. Supi, das ist ja genau mein Terrain. *hüstel*. Aber okay, nachdem ich nun die zweitwichtigste Frage – wo muss ich hin – geklärt habe, kann ich mich nun der wichtigsten widmen: Was zieh ich an? Ob ich noch schnell zu Macys haste nach der Arbeit? Zu Buffalo? Ich entscheide mich dann, doch erst einmal in meinem “Fundus” zu schauen.  Vor dem new-york-heimischen Kleiderschrank dann wieder der Effekt: ach das Kleid hab ich ja auch und das….ach und das…Ich probiere mich eine halbe Stunde durch die verschiedenen Textilien, bevor ich schließlich ein blaues Chiffonkleid zum Sieger küre. Vor lauter Begeisterung schmeiße ich mir dann fünf Minuten später eine fettige Olive aufs Dress….Krise. Aber ich schaffe es, den Fleck bis zum nächsten Morgen wieder verschwinden zu lassen und mache mich hübsch gewandet auf zur Arbeit.

“Naaa, freust du dich schon?” fragen mich meine Kolleginnen – ich glaube sie sind neidisch. Ja klar freue ich mich, auch wenn ich nicht weiß, was mich erwartet. Um kurz nach sechs stelle ich mit Schrecken fest, wie spät es ist und dass laut Einladung um 18.30 Uhr der Empfang beginnt. Während ich auf den Lift-Knopf einhämmere, frage ich mich, ob man denn auch pünktlich sein muss (schließlich ist es ja ein “deutscher” Empfang) oder ob man irgendwann eintrudeln darf? Vor dem Haus hält gerade ein Taxi – ob ich mich edel chauffieren lasse oder doch lieber die Subway nehme? Da das Taxi wohl eh nur im Feierabendverkehr feststecken würde und ich leider noch nicht so firm bin, dass ich dem Taxifahrer – wie man es aus den ganzen Filmen kennt – Anweisungen geben kann, wie er am besten fahren soll, hetze ich Richtung U-Bahn. An der 68. Straße angekommen, eile ich weiter per pedes durch die wieder einmal stockfinstere Upper East Side zur 71. Straße, Park Avenue. Welches dieser Häuser ist es denn nun??? Es ist das, mit der kleinsten, unscheinbarsten Markise überhaupt. Schnell schlüpfe ich von meinen Ballerinas in die mitgebrachten (sonst schleppe ich alles immer in Abercrombie-Tüten durch die Gegend, weil die so schön stabil sind, für den heutigen Abend habe ich jedoch meine neutrale cremeweiße Anthropologie-Tüte gewählt, man weiß ja nicht, wie die Herrschaften auf nackte Waschbrettbäuche auf Papiertüten reagieren…) hochhackigen Stiefel und stöckele zum Eingang, wo mir ein livrierter Herr die schwere Eisentüre öffnet. Ich versuche so vornehm wie möglich zu lächeln und sage mit einem leichten, höflichen Nicken “Good evening!” – Ich glaube ich habe hier in New York noch nie “Good evening” gesagt und schon gar nicht in dieser Aussprache, Doch ich komme gar nicht dazu, über mich zu schmunzeln, denn erneut gehen mir die Augen über. Denn das, was das Haus nach außen an Understatement ausstrahlt, macht es hier innendrin doppelt und dreifach gut. Dunkler Marmor, Blumengestecke, wuchtige Leuchter. Ein weiterer Doorman begrüßt mich und deutet mir zunächst den Weg zu einem Tisch, wo Namensschildchen verteilt werden und dann  einen Gang entlang, wo die Garderobe sei. Ich bemühe mich unfallfrei über die Stufen und schweren Teppiche zur Garderobe zu kommen und wieder zurück (die Fotos zeigen diesen Gang), wo es nun mit zwei weiteren Gästen in einen kleinen Aufzug geht. Dieser bringt uns direkt in die Konsul’sche Wohnung. Ein Dienstmädchen (schön in schwarz-weißer Kluft mit Häubchen, wie man es sich vorstellt) empfängt uns und weist uns den Weg Richtung Salon, wo die Hausherrin die Gäste begrüßt. Man merkt wie alle reichlich nervös sind und jeder versucht einen guten Eindruck zu machen oder ja nicht irgendwie aufzufallen. Was kurios ist, denn eigentlich kennen sich die meisten, der Konsul ist auch jeden Tag im Deutschen Haus unterwegs. Zur Nervenberuhigung tut man sich am Fingerfood, das herumgereicht wird, gütlich. Besonders begehrt allerdings: Die drei Platten mit Lebkuchen und anderem Weihnachtsgebäck – vor allem die Dominosteine sind gleich ratzeputz weggefuttert.

Ich unterhalte mich eben nett, da macht es kling-kling am Glas. Zeit für die Begrüßungsrede. Wir versuchen uns irgendwie unauffällig nach hinten zu verkrümeln, zu spät, da stehen wir nun in der ersten Reihe und lauschen den ernsten wie humorvollen Worten des Konsuls, der diese in wunderbar noblem Englisch vorträgt. Er erinnert mich immer ein bisschen an Rolf Seelmann-Eggebert, den mittlerweile vor allem als Adels-Experten bekannten Journalisten des NDR. Ich könnte ihn mir auch prima als nächsten Bundespräsidenten vorstellen (als ehemaliger persönlicher Referent von Richard v. Weizsäcker kennt er das Business auch). Und so geht der Abend dann dahin, hier eine Unterhaltung, da ein Gespräch (Top-Thema ist grundsätzlich: In welchem Stadtteil wohnst du? Von dort aus wird dann das gesamte Thema ‘Wohnen & New York’ erörtert). Man steht im schick anzusehenden Wohnzimmer, auf die unheimlich bequem aussehenden Sofas traut sich niemand zu setzen. Offiziell war der Empfang bis 20.30 Uhr angesetzt. Irgendwann merke ich, wie es sich doch spürbar leert. Auch das Pärchen, mit dem ich mich unterhalte, meint irgendwann: “Ich glaube wir sollten gehen….” Da gesellt sich ein junger Biologe – sieht aus als wäre er Jürgen Klopps jüngerer Bruder – zu uns und wir sind wieder im Gespräch verwickelt. Nach einigen weiteren Minuten sind außer uns aber nur noch drei Gäste da, jetzt sollten wir wirklich gehen. Doch verabschiedet man sich jetzt vom Konsul, der eigentlich gar nicht weiß, wer man ist? Aber einfach gehen geht auch nicht. Gibt man die Hand? Es folgt ein peinlich berührtes und schüchternes Danksagen und wir schleichen aus dem Salon, zurück Richtung Aufzug. Ein junger Mann neben mir bemerkt: “Oh, da geht ja noch eine Treppe hoch!” -“Ja, da oben stehen dann die Ikea-Möbel!”; entfährt es mir. Die anderen grinsen breit, aber alle halten wir noch die Luft an und trippeln in den Lift. Die Tür schließt sich, alle atmen hörbar aus und prusten ob dessen eine Sekunde später laut lachend los. Die Liftfahrt dauert nicht lange und wir erschrecken als in unser hysterisch-erleichtertes Lachen plötzlich das “Bing!” des Aufzugs tönt und sich unten wieder die Tür öffnet. Wir räuspern uns alle und nehmen wieder Haltung an, um ohne größeres Aufsehen unsere Mäntel von der Garderobe wieder abzuholen. Wir huschen vorbei an den beiden Doormen und stehen wieder draußen in der frischen New Yorker Nachtluft. Es ist mittlerweile viertel nach neun. We overstayed our welcome. Nunja…wir drehen uns noch einmal um und blicken an 740 Park Avenue hinauf bevor wir uns in unsere eigenen bescheidenen Bleiben aufmachen.

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Shop Small Sat..Sunday

Es gab ja mal eine Zeit, in der gab es Ostermontag oder Karfreitag oder Gründonnerstag, aber sonst war ein Mittwoch ein Mittwoch und ein Samstag ein Samstag. Doch das reicht im Jahr 2013 natürlich nicht mehr. Wer in der Social-Media-Welt unterwegs ist, begeht selbstverständlich allwöchentlich den “ThrowbackThursday”, an dem in Nostalgie jeglicher Form geschwelgt werden darf (muss?!), und den “FollowerFriday”, an dem den Folgern gedankt wird und man sie anderen weiterempfiehlt. Dieser Tage gibt es hier in Amerika (und ich weiß, die Welle schwappt um den Globus) natürlich auch wieder ganz besondere Wochentage. Der traditionsreichste hiervon ist der Black Friday, der Freitag nach Thanksgiving, der hierzulande den weihnachtlichen Kaufrausch mit starken Rabatten allerorten offiziell einläutet. Allerdings beginnt der Freitag hier mittlerweile schon an Thanksgiving. Manche Kette öffnet ihre Geschäfte bereits am Abend des Festtages, um dann gerne für 36, 48 oder auch mehr Stunden durchgehendes Shopping-“Vergnügen” zu bieten. Das führt wiederum dazu, dass manche bereits am Donnerstagmorgen vor den Filialen Stellung beziehen, um sich die beste Ausgangsposition verschaffen bei der Prügelei um DVD-Rekorder, Spiele-Konsolen oder Wintermäntel.

Da ich jedoch weder gesteigerten Wert darauf lege am Wühltisch halb totgetrampelt zu werden noch irgendwelche Dinge gerade benötige, habe ich diese Hysterie hier nur quasi als Zuschauer verfolgt und wohlweislich einen großen Bogen um sämtliche Kaufhäuser gemacht. Körperlich unversehrt lässt sich natürlich auch das ein oder andere Schnäppchen schlagen: Am Cyber Monday, wenn die ganzen Online-Shops ihre Produkte zum Schleuderpreis raushauen. Aber ich brauche nunmal keine neue Waschmaschine, deshalb werde ich auch diesen Tag kaufrauschlos passieren lassen.

Zwischen Black Friday und Cyber Monday gibt es aber noch einen weiteren Super-Sonder-Einkaufstag: Den “Shop Small Saturday”, an dem man seine Dollars in kleinen inhabergeführten Geschäften loswerden soll. Am Samstag bin ich jedoch mit privaten Angelegenheiten und Apartment putzen und aufräumen (und Blog schreiben ;-)) beschäftigt, sodass ich nicht dazu komme, den lokalen Einzelhandel zu unterstützen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so entschließe ich mich – mal wieder – zu einem Sonntagsbummel durch das Greenwich Village.

Ich beginne in meinem geliebten Chelsea Market, in dem es überraschenderweise angenehm ruhig zugeht. Und obwohl ich in der Vorweihnachtsstadt schlechthin bin, bin ich noch nicht im Dauer-Weihnachtsstimmungs-Modus. Was vielleicht daran liegt, dass in meinem Apartment nichts auf das bevorstehende Fest hinweist (Platz für ein Bäumchen oder ähnliches habe ich nicht und mir jetzt hier lauter Weihnachtsschmuck anzuschaffen, den ich ja auch wieder irgendwie heimbekommen muss…schwierig, aber vielleicht findet sich ja noch was Hübsches!), aber als ich dann plötzlich im Anthropologie stehe und aus den Lautsprechern John Lennon und Yoko Ono “So this is Christmas…” schmettern, ist – zumindest – temporär der Schalter wieder umgelegt. Weihnachten! New York! Wie toll! Von dort aus schlendere ich weiter durch den Meatpacking District mit seinen extrem schicken Stores, Restaurants und Bewohnern.

Da ich nun schon ein bisschen durchgefroren bin, kehre ich in einem Café ein, das ich mir schon seit ein paar Wochen anschauen möchte. Als mein Internet hier immer Fissimatenten gemacht hat, war ich über das Bewertungsportal Yelp auf der Suche nach einem gemütlichen Café, wo es kostenloses Wi-Fi gibt und man auch einfach zwei Stunden ungestört sitzen kann und surfen oder lesen. Dabei bin ich auf Grounded in der Jane Street gestoßen. Als ich eintrete, sieht es anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte und ich weiß bis jetzt nicht so genau, ob es mir gefällt oder nicht. Es sieht ein bisschen aus, als ob man in einer Garage (der Boden ist schlampig übermalter Beton) eine Studenten-WG mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet hätte. Eine unspektakuläre Theke, wo ich mir eine Dark Hot Chocolate mit Pfefferminz bestelle (das steht nicht auf der Karte, aber der Typ hinter der Theke schlägt es vor und es schmeckt köstlich – wie flüssiges After Eight!), die ich natürlich im Pappbecher gereicht bekomme. Dann geht es nach hinten weiter, vorbei an zwei Kästen, wo man bitte sein dreckiges Geschirr abstellen soll: ein paar Sofas, Tische, Stühle, Pflanzenkübel und ein Bücherregal. An der Decke surren Ventilatoren. Auf einer Art Sofa ist noch Platz neben einem jungen lesenden Mann, wo ich mich niederlasse.

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Aus der Tasche ziehe ich einige Zeitungsausschnitte, die ich von der Familie aus Deutschland geschickt bekommen hatte und nun endlich auch mal lesen möchte. Während ich in meine Lektüre vertieft bin, höre ich mit einem Ohr wie der Kerl nach einigen Minuten neben mir irgendwas mit Germany murmelt. Ich fühle mich aber nicht angesprochen. Sollte ich aber wohl, denn da ich nicht reagiere, tippt er mich nun am Arm an: “Are you from Germany?” Ich bejahe. Ob ich hier Urlaub mache. Ich verneine und versuche den Stolz, der mich dabei überkommt, in der Stimme zu verhehlen. Er hätte früher Deutsch gelernt, ob er mal lesen dürfe und schauen, ob er was versteht. Der Artikel aus der “Welt” über New Yorks Nachbarort Hoboken überfordert ihn sichtlich, ich reiche ihm daher einen Ausschnitt aus der BILD (“Wieviel New York schafft man in 4 Stunden?”), mit dem Hinweis, dass er hier einfacheres Deutsch vorfinden wird… Nunja, dann unterhalten wir uns über mein Praktikum, New Yorker Apartments und deren Ungeziefer und ich erfahre dass der bewollmützte Junge ursprünglich aus Bulgarien kommt und, was ihm offenbar peinlich ist zuzugeben, in der Versicherungsbranche arbeitet. “Wir versichern aber große Firmen”, schiebt er schnell nach. Irgendwann habe ich meine riesige heiße Schokolade leergesüffelt und meine neue namenlose Bekanntschaft sieht dadurch wohl den Zeitpunkt gekommen, dass man nun das Etablissement verlässt. Eigentlich hatte ich ja extra noch meinen Krimi, den ich bereits zum zweiten Mal bei der Büchereri verlängert habe, da ich noch nicht eine Seite davon gelesen habe, dabei, doch ich will ja auch noch durchs Village bummeln, also erhebe ich mich und wir gehen. Er verabschiedet sich dann Richtung Upper East Side, wo er wohnt, ich laufe kreuz und quer durch das Village und wundere mich wieder, wie einfach man hier lauter Zufallsbekanntschaften macht, wenn man sich nur irgendwo hinsetzt.

Das Village ist auch an diesem Sonntag wieder ein Hort der Ruhe und Zurückgezogenheit. Die ersten Häuschen sind mit festlicher Weihnachtsdeko geschmückt, an einigen Straßenecken bieten Christbaumverkäufer ihre grüne Ware feil. Einfach wunderwunderschön.

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Im Sinne meines Small Shop Sundays suche ich nun einen Laden auf, den ich bereits neulich entdeckt habe, aber hier noch nicht eingehend beschrieben, was ich nun nachholen möchte: Bonnie Slotnick Cookbooks. Hierbei handelt es sich um kleines vollgestopftes Lädchen, das sich – wie der Name bereits verrät – auf Kochbücher spezialisiert hat. Die Inhaberin ist eine leicht schrullige, aber umso nettere Dame. Ein Blick auf die hochmoderne *Ironie off* Homepage des Ladens gibt einen Eindruck der Athmosphäre des Ladens, es heißt dort:


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Genau das habe ich nun also wieder getan. Im überheizten (im hinteren Teil höre ich das mittlerweile äußerst vertraute Zischen einer Steamheating) Geschäftsraum staplen sich Koch- und Backbücher aus den vergangenen Jahrzehnten: Sei es die Küche amerikanischer Regionen – wie Cajun Cooking oder Californian Cuisine – aber auch Internationales, Backbücher oder Kochschulen finden sich in den engstens bestückten Regalen. Auch ein paar antiquarische Raritäten hat Bonnie, die alle paar Wochen ihr Fenster saisonal überbordend neu dekoriert, vorrätig. Ich stöbere eine Weile umher, kann mich jedoch nicht zu einem Kauf durchringen (dass Kochbücher auch immer so schwer sein müssen!) und verlasse gut aufgewärmt den Laden.
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Über den Housing Works Thrift Shop und einen Vintage Laden, in dem Elvis-Musik läuft, die Luft nach Zigaretten stinkt und es verwaschene Madonna-T-Shirts sowie 50er-Jahre-Kleider zu horrenden Preisen gibt, bahne ich mir – wieder kreuz und quer – den Weg in der Dämmerung nach Hause. Das Empire State Building, das dieser Tage wie die Chanukkah Kerzen beleuchtet ist (blau-weiß und die Spitze in wechselnden Orange-Tönen wie eine lodernde Flamme), weist mir den Weg. Ich werde schon wehmütig bei dem Gedanken, diese Gegend in vier Wochen verlassen zu müssen, aber noch – noch bin ich ja hier.
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